Studentisches Wohnen: 30 qm in Uni-Nähe – 787 € / Monat

Quelle: spiegelonline


Studentisches Wohnen: 30 Quadratmeter in Uni-Nähe – 787 Euro im Monat


Viele junge Menschen geraten finanziell immer mehr in Bedrängnis. Neben der Inflation setzen ihnen auch steigende Mieten zu. Experten warnen vor einem »Wohlstandsverlust mit all seinen Folgen«. Die Wohnkosten für Studierende sind im vergangenen Jahr deutlich gestiegen – in Berlin sogar um 18,5 Prozent. Eine studentische Musterwohnung kostet dort aktuell 718 Euro monatlich, einschließlich Heiz- und Nebenkosten. Zu dieser Erkenntnis kommt das Institut der deutschen Wirtschaft in Köln in seinem jährlichen Studentenwohnreport, den die Ökonomen im Auftrag des Finanzberaters MLP angefertigt haben. Die Auswertung lag dem SPIEGEL vorab vor.

Besonders teuer sind studentische Wohnungen gemäß den Berechnungen in München (787 Euro warm pro Monat) und Stuttgart (786 Euro). Am günstigsten wohnen Studierende in den ostdeutschen Städten Chemnitz (224 Euro), Magdeburg (303 Euro) und Leipzig (383 Euro). Im Durchschnitt der 38 betrachteten Hochschulstädte legten die Wohnkosten innerhalb eines Jahres um 5,9 Prozent zu.

Musterwohnung: 30 Quadratmeter in Uni-Nähe:
Die Ökonomen berechneten die Wohnkosten einer fiktiven studentischen »Musterwohnung« mit 30 Quadratmeter Wohnfläche und einer durchschnittlichen Ausstattung in direkter Umgebung zur nächstgelegenen Hochschule an den unterschiedlichen Standort en. Für Heiz- und Nebenkosten kalkulierten sie 20 Prozent der Kaltmiete. Dieses Vorgehen, »hedonisches Verfahren« genannt, hat sich in der Immobilienökonomie bewährt. Es basiert auf der Annahme, dass sich der Preis aus verschiedenen Faktoren zusammensetzt – in diesem Fall: Lage, Ausstattung und Größe einer Wohnung –, die in derselben Kombination an verschiedenen Standorten nur selten auftreten.

Nach dem Hochschulstädte-Scoring des Moses-Mendelssohn-Instituts ist dies schon der zweite Immobilienreport innerhalb weniger Wochen, der einen bedenklichen Trend beschreibt: Wohnkosten werden für junge Menschen, die bisher kaum Gelegenheit hatten, finanzielle Rücklagen zu bilden, in manchen Regionen zu Belastung.

Zwar hat das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) erst vor wenigen Monaten die Bafög-Sätze angehoben. Der Höchstsatz liegt ab dem Wintersemester bei 934 Euro monatlich. Die darin enthaltene Wohnkostenpauschale von 360 Euro (zuvor 325 Euro) reicht aber nach den Berechnungen nur in Chemnitz und Magdeburg für eine studentische Musterwohnung.

Nachfrage verschiebt sich
'Durch den enormen Anstieg der Energiepreise verschiebt sich die Nachfrage in Richtung kleinerer und günstigerer Wohnungen', erklärt IW-Immobilienexperte Michael Vogtländer, der den Report federführend erstellt hat. Zudem suchten viele Menschen, die bislang Eigentumswohnungen erwerben wollten, wegen starker Zinsanstiege nun nach Mietwohnungen. »Dies hat zur Folge, dass sich die Konkurrenz im Markt für studentisches Wohnen weiter verschärft – mit entsprechenden Folgen für die Mietkosten und das Angebot«, erklärt Voigtländer.

Die steigende Inflation, die gerade Haushalte mit geringen Einkommen besonders trifft, verstärkt die Not vieler Studierender. Dabei kommen manche von ihnen nach der Coronapandemie gerade erst wieder auf die Beine. Laut einer nicht repräsentativen Umfrage der Juso-Hochschulgruppen hatten 35 Prozent der befragten Studierenden im ersten Shutdown ihren Nebenjob verloren. Im Durchschnitt fehlten ihnen allein von Februar bis Juli 2020 etwa 1500 Euro im Portemonnaie.

Finanzieller Spielraum besteht meist keiner

'Es droht ein Wohlstandsverlust mit all seinen Folgen', kommentiert der MLP-Vorstandsvorsitzende Uwe Schroeder-Wildberg. »Studierende benötigen den Großteil ihres ohnehin geringen Einkommens, um den Alltag zu bestreiten und notwendigen Konsum zu bezahlen.« Finanzieller Spielraum bestehe meist keiner. »Sobald es eng wird, müssen sie mitunter auf elementare Dinge verzichten.«

IW-Ökonom Vogtländer verweist auf den Fachkräftemangel in Deutschland, der auch unter Akademikern herrsche, vor allem in naturwissenschaftlichen und technischen Berufen. Um diesem zu begegnen, seien Unternehmen auf Zuwanderung aus dem Ausland angewiesen. Dazu müsse es gelingen, mehr ausländische Studierende nach Deutschland zu holen. »Denn dann ist die Chance groß, dass diese auch nach ihrem Abschluss hierbleiben und Lücken füllen.« Dazu müsse der Wohnungsmarkt in Deutschland wieder zugänglicher werden.